Stille Andacht im Trubel: Wiesn-Gottesdienst im Münchner Oktoberfestzelt
Isabella ReinhardtStille Andacht im Trubel: Wiesn-Gottesdienst im Münchner Oktoberfestzelt
Mitten im Trubel des Münchner Oktoberfests gab es in der ersten Festwoche im Marstall-Zelt einen stillen Moment. Statt mit Bierkrügen anzustoßen, versammelte sich die Menge zu einem Wiesn-Gottesdienst – einer seltenen Tradition, die Glauben und Festtagsfreude verbindet. Die Szene bot einen auffälligen Kontrast zum üblichen Treiben, als Kirchenlieder die Blasmusik verdrängten und Gebete durch das Zelt hallten.
Der Gottesdienst begann mit einem einsamen "Halleluja", das von der Bühne erklang, auf der sonst das Königlich Bayerische Vollgas-Orchester spielt. Sechs Männer versammelten sich vorne und teilten sich Wein aus einem einzigen goldenen Kelch. Einer von ihnen trat vor und sprach ins Mikrofon: "Und führe uns nicht in Versuchung …"
Die Gemeinde, die auf den Bierbänken saß, erhob sich gemeinsam, um "Lobt den Herren!" zu singen. Ihre Stimmen füllten den Raum und verwandelten das Zelt in einen improvisierten Ort der Andacht. Die Veranstaltung erinnerte an ähnliche Bräuche in Bayern, wie den Hofbräuzelt-Gottesdienst in München oder die ökumenische Feier in Biebelrieds Festhalle.
Für viele verkörpert der Wiesn-Gottesdienst das Bild eines Dorfes ohne festen Platz und eines Pfarrers ohne Kirche. Er ist ein Schauspiel im größeren Spektakel des Oktoberfests – ein Moment der Besinnung zwischen all dem Feiern.
Der Gottesdienst im Marstall-Zelt zeigt eine weniger bekannte Seite des Oktoberfests, auf der Glaube und Tradition ihren Platz zwischen den Festlichkeiten finden. Zwar gibt es keine genauen Zahlen, doch mindestens zwei bayerische Gemeinden pflegen diesen Brauch jedes Jahr. Die Veranstaltung hinterlässt bei den Besuchern eine Erinnerung an Gemeinschaft und Hingabe – selbst mitten in einem Bierzelten.






