Gockels Wallenstein-Neuinszenierung verbindet Schiller mit der Wagner-Gruppe
Ferdinand WeimerGockels Wallenstein-Neuinszenierung verbindet Schiller mit der Wagner-Gruppe
Eine kühne Neuinszenierung von Wallenstein feiert Premiere – Schillers Klassiker trifft auf moderne Konflikte
Regisseur Jan-Christoph Gockel hat Schillers Drama mit Forschungsergebnissen über die russische Söldnertruppe Wagner-Gruppe verwoben und damit eine mutige Neuinterpretation des Stoffes geschaffen. Die Produktion setzte zudem ein innovatives technisches Hilfsmittel ein, das dem gelähmten Schauspieler Samuel Koch ermöglichte, zentrale Bewegungen auf der Bühne auszuführen.
Den Abend eröffnete eine Lecture-Performance des russischen Künstlers Serge, der Parallelen zwischen Jewgeni Prigoschin und Wallenstein zog. Mit einem Zauberspruch aus Harry Potter – Ridikulus – verwandelte er Angst in Humor und zog dabei eine Analogie zwischen dem Kochen und dem Chaos des Krieges. Damit gab er den Ton für das zentrale Thema der Inszenierung vor: die Schnittmenge von Macht, Verrat und Abhängigkeit.
Gockel griff tief in Schillers Originaltext ein, strich große Passagen und fügte Prologe, Epiloge sowie neuen Dialog hinzu. Die Handlung entfaltete sich um eine lange Küchenzeile, an der das Ensemble während des Spiels kochte – eine Szene, die es in Wallenstein bisher noch nie gegeben hatte. Gleichzeitig ermöglichte ein mechanisches Gerät Samuel Koch, dem gelähmten Schauspieler, für kurze Momente seine Arme zu bewegen und als titelgebender General zu sprechen.
Sergei Okunevs Recherchen über Prigoschin prägten die Inszenierung: Telegram-Posts, Propaganda der Wagner-Gruppe aus dem Aufstand 2023 und Interviews mit russischen Dissidenten flossen ein. Diese Elemente schufen einen dialektischen Konflikt zwischen Wallensteins Machtstreben im 17. Jahrhundert und Prigoschins modernen Söldnerstrategien. Heraus kam Das Schlachtmahl in sieben Gängen – eine Struktur, in der beide Erzählstränge gegeneinander argumentierten.
Musikalische und puppenspielerische Einlagen von Maria Moling und Annette Paulmann fügten der Produktion eine weitere Ebene hinzu. Okunevs Feldforschung unter Soldaten wurde ebenfalls mit dem Publikum geteilt – eine Idee, die auf den Dramatiker Heiner Müller zurückgeht. Die Uraufführung 2025 am Moskauer Meyerhold-Theater verband historisches Drama mit drängenden zeitgenössischen Fragen.
Die Inszenierung brach Neuland, indem sie Schillers Text mit aktueller politischer Forschung verband. Kochs begrenzte, aber wirkungsvolle Bewegungen, die Kochszenen des Ensembles und der Zusammenprall historischer und moderner Kriegsführung schufen ein einzigartiges Theatererlebnis. Die Produktion hinterlässt beim Publikum eine scharfsinnige Reflexion darüber, wie sich Macht und Verrat durch die Jahrhunderte wiederholen.






